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ENKLAVE
Wenn ein Musiker nach vielen Jahren des munteren Schaffens erstmals nicht mehr unter seinem Pseudonym, sondern unter seinem bürgerlichen Namen veröffentlicht, liegt der Verdacht nahe, er wolle ab sofort sein wahres Gesicht zeigen und die Distanz zwischen Schöpfer und Werk auf ein ungeschminkt authentisches Maß verringern.
Bei Daniel Decker sehen die Dinge anders aus. Während der sentimentale Lofi-Pop seines Ein-Mann-Projektes „Pawnshop Orchestra” an Authentizitäts-Appeal ja quasi nicht zu überbieten war, zeigt Daniel Decker als Daniel Decker, dass er in den verschiedensten Outfits eine gute Figur abgeben kann. Die fünf Songs seiner ersten EP „Enklave” stehen streng genommen für fünf unterschiedliche Pop-Entwürfe.
Es geht los mit dem Titeltrack, einem optimistischen Protestsong im Geiste der Aeronauten: „Wir brauchen einen Freiraum, für uns allein, das soll unsere Enklave sein” – diese schöne Utopie kommt als rumpelnder Bubblegum-Singalong daher, samt Frage-und-Antwort-Gesängen und jubilierenden Bläsern im Refrain.
Morbide Erotik untermalt von düsterem Gitarren-Riffing – das hätte man von Decker nicht erwartet. Und doch gibt er im zweiten Song „Die Geister, mit denen ich schlief” eine Art deutschen Brian Molko (Placebo). Sehr überzeugend – sogar die gepresste Stimme passt. Lied Nummer 3 („22.22 Uhr”) greift hingegen den Diskursrock der frühen 90er-Jahre auf. Im Wichtigtuer-Lamento skandiert Herr Decker über ein sprödes Bass/Schlagzeug-Pattern Textzeilen, die mit Gift und Galle die eigene Befindlichkeit geißeln.
„Vorstadtjunge” (Track 4) ist natürlich ein Cover von Bronski Beats „Smalltown Boy” – und hier bleibt Decker dem Original-Genre treu, stellt die E-Gitarre in die Ecke und frönt dem Synthie-Pop. Musikalisch viel minimalistischer als im Original.
Und auch der Falsett von Jimmy Summerville wird durch einen durch den Effekt-Wolf gedrehten Sprechgesang ersetzt. Inhaltlich passt das Underdog-Image des Songs aber wie die Faust aufs Auge, bedenkt man, dass Decker immer noch in einer Kleinstadt bei Düsseldorf lebt und leidet.
Sogar eine wehmütige Piano-Ballade hat Daniel Decker in petto. „Was sind das bloß für Menschen, denen wir alltäglich begegnen”, fragt er resigniert in „Langsames Gift” und lässt die trägen Akkorde irgendwann von wunderbar melodramatischen Gitarrenfeedbacks überlagern – nur um am Ende textlich und musikalisch doch noch die Sonne aufgehen zu lassen. Beim Grande Finale sorgt ein Lalala-Chor für süßlich-wehmütigen Optimismus. Ein feiner Zug, wenn man sich den besten Song für den Schluss aufspart.
Oliver Minck // Frühling 2010